• Memorial Project


    30. März 2003 bis 11. Mai 2003

    Towards the Complex. For the Courageous, the Curious and the Cowards.

    kuratiert von Elke Gruhn

  • Jun Nguyen-Hatsushiba (*1968 Tokio) beschäftigt sich in seinen künstlerischen Arbeiten mit unerwünschten Randerscheinungen der modernen Gesellschaft. Das unter Wasser aufgezeichnete Video zeigt eine Pilgerfahrt der vom Vietnam-Krieg „Übriggebliebenen“ auf der Suche nach einem Ort, nach der eigenen Identität. Mühsam kämpfen sich die Rikschafahrer in 6 bis 8 Meter Tiefe zu einem Areal mit 30 ausgebreiteten Moskitonetzen. Die im Wasser schwebenden Netze rufen die hilflosen Opfer der Boatpeople in Erinnerung, die auf der Flucht ertrunken sind. „Die Mutigen, die Neugierigen und die Feiglinge“ steht symbolisch für jene Menschen, die sich dazu entschlossen, vor den Schrecken des Krieges zu fliehen.

    Absurd erscheint die Unterwasser-Pilgerfahrt dreier Rikschas, ihrer mühsam aber gleichzeitig schwerelos in die Pedale tretenden Fahrer und ihrer Passagiere, die, wie Zugtiere eingespannt, das einst wichtigste Transportmittel Vietnams voranziehen, anstatt komfortabel in ihm zu sitzen. Der Film erzählt ohne Worte in poetischen Bilder in nur 13 Minuten die viet-namesische Geschichte der jüngsten Vergangenheit. Wie in einem Überflug zeigt die Kamera den felsigen Meeresgrund bei Nha Trang, Vietnam, aufsteigende Luftblasen unterbrechen die friedliche Stimmung harsch. Bilder und Töne mischen sich, ein kurzer Blick auf die Welt außerhalb des Meeres, Kampf an der Wasseroberfläche, der schließlich Unterwasser verlangsamt fortgesetzt wird, bis er in die zielgerichtete Bewegung übergeht. Das Xich lo, (Cyclo) ist in den Straßen Vietnams allgegenwärtig, es ist schnelles, innerstädtisches Transportmittel und auch Lebensgrundlage
    für die unzähligen Rikschafahrer des Landes. Für die vom Vietnam Krieg zerstörten Lebensläufe blieb oft als einziger Ausweg
    die Verausgabung als Rikschafahrer.

    Eine massive Kampagne der vietnamesischen Regierung möchte die Rikschas aus dem Straßenbild eliminieren, sie passen nicht mehr in das Konzept einer aufstrebenden Ökonomie, sie sind ein Hindernis in den inzwischen mit PKWs angefüllten Straßen. Die Rikschas werden abgestellt und von ihren Fahrern verlassen, die Kamera schwenkt zu einer Unterwasserlandschaft in der Moskitonetze wie Hauszelte eine Siedlung bilden, - die unwahrscheinliche Vorstellung von menschlichem Leben unter Wasser. Vor den nervtötenden Insekten geschützt, ist ein gutes Einschlafen und Träumen möglich, die Außenwelt erscheint durch das irisierende feinmaschige Netz diffus. Sind es die unzähligen, auf ihrer Flucht ertrunkenen Boatpeople, „die Mutigen, die Neugierigen und die Feiglinge“, jene, die sich entschlossen, vor den Schrecken des Krieges zu fliehen?

    Jun Nguyen-Hatsushiba, 1968 in Tokio als Sohn vietnamesisch japanischer Eltern geboren, lebte von 1974 bis zum Ende des Krieges in Vietnam, emigrierte dann mit seiner Familie in die USA und lebt seit 1996 in Ho Chi Minh City. Zunächst ausgebildet in klassischer Ölmalerei, wechselte er sein künstlerisches Medium nach einer Asien-Reise. Ausgehend von essbaren Materialien, vor allem Reis, die ihn an seine Kindheit erinnern, wechselte er zur Fotografie und benutzte schließlich Kohle, als seine Metapher für die vietnamesische Gesellschaft, bevor er Moskitonetze und Rikschas als sein künstlerisches Ausdrucksmittel entdeckt.

    Mit asiatische „Materialien“ reflektiert Jun Nguyen-Hatsushiba mit seiner „westlichen“ Perspektive die moderne asiatische Gesellschaft, seine außerordentlich ästhetische Arbeit transportiert gesellschaftskritische Botschaften.

    Der Film entstand aus der Idee einer Performance innerhalb eines „Cyclo-Museums“, das er für die 1. Internationale Triennale zeitgenössischer Kunst in Yokohama 2001 plante. Internationale Beachtung erfuhr er dort und anschließend auf der 25. Biennale von Sao Paolo 2002.

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