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    04. September 2005 bis 16. Oktober 2005

    Felix Gmelin / David Godbold / Julee Holcombe / Marie Holzer / Léopold Rabus / Antonio Riello / Uwe Schnatz / Jorge Villalba / Tim White Sobieski / Cindy Wright

    Eröffnung: Samstag, 3. September 2005 / 17 bis 20 Uhr

    kuratiert von Katharina Klara Jung

  • Die Praxis des Zitierens hat eine lange Tradition, nicht nur in der neuzeitlichen,
    sondern auch in der postmodernen Kunstgeschichte. Ein Zitat ist nicht simple
    Hommage – es ist ein kompliziertes Netz aus Assoziationen, das auf vielfältige Art interpretiert werden kann.

    In seiner Videoarbeit „Flatbed, the blue curtain“ von 2003 lässt Felix Gmelin 5 Künstler Picassos Antikriegsbild „Guernica“ von 1937 auf den Boden malen. Der Bezug und die zeitliche Nähe zum 5. Februar 2003, an dem der damalige US-Außenminister Colin Powell seine Rechtfertigungsrede für den bevorstehenden Irakkrieg vor der mit einem großen blauen Tuch überdeckten Reproduktion des Gemäldes hielt, verleihen der Arbeit eine politische Dimension, die der Künstler bewusst zur Hinterfragung der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst einsetzt.

    Relevanz und Aufbegehren sind auch die Themen des britischen Künstlers David Godbold, der in seinen Grafiken durch die comicähnliche Kombination von barock anmutenden Protagonisten der christlichen Ikonographie und den Bildinhalt persiflierender Textzeilen spitzfindige Kommentare zu Zeitgeschichte und Politik abgibt.
    Auf ganz andere Weise verleiht Tim White Sobieski seiner Arbeit politische Aussagekraft: In kompositorisch eindeutiger Anlehnung an Leonardos Letztes Abendmahl ersetzt er Jesus durch eine in weiß gekleidete junge Frau, um die sich statt der Jünger Kindersoldaten scharen. Anders als in Leonardos Abendmahl sind die Protagonisten jedoch nicht aufgewühlt, eine Schwere und Erschöpfung lastet auf ihnen, die das Bild in eine trostlose Melancholie hüllen.

    Auch Antonio Riello bedient sich in seiner Skulptur „KT22 – F18“ der Verknüpfung von Religion und Militär: Auf einem 2,5 Meter hohen Modell eines Kampfflugzeugs lässt er Tiepolos Maria Immaculata gen Himmel steigen und stößt so eine Assoziationskette an, die sich um die Begriffe von Religion, Gewalt und Macht bewegt.

    Eine Himmelfahrt ganz anderer Art bietet der Spanier Jorge Villalba, wenn er in kompositorischer Anlehnung an ottonische Buchmalerei die Figuren durch Plastikschlümpfe ersetzt und der Szene damit nicht nur augenzwinkernd Ernst und Glaubwürdigkeit raubt, sondern auch alles Leben aus dem Bild ausschließt bis nur noch eine scheinheilige Hülle zurückbleibt.

    In ihrem Gemälde „Playmate at the Prado“ nimmt sich die belgische Künstlerin Cindy Wright eines ganz ähnlichen Themas an: Vor Botticellis Venus präsentiert sie das neue Schönheitsideal in einer glorienhaft beleuchteten Frauenfigur, die, ihre aufgespritzten Lippen zu einem grimassenhaften Lächeln verzogen, alles Bezaubernde und Schöne gegen inszenierte Künstlichkeit eingetauscht hat.

    Schönheit spielt auch in den Bildern und Installationen des Schweizers Léopold Rabus eine große Rolle. Statt ein bekanntes Bild zur Vorlage zu nehmen, schöpft er aus dem Fundus der traditionellen Ikonographie. Er lockt in seinen Arbeiten den Betrachter mit schillernden Oberflächen und lieblichen Farben in eine alptraumhafte Welt, in der er ikonographische Elemente neu kombiniert und mit neuen Konnotationen belegt. Für die Ausstellung wird er eine völlig neue Installation in situ vornehmen.

    Dem Darmstädter Videokünstler Uwe Schnatz geht es ebenfalls nicht um eine bildgetreue Umsetzung oder Kopie eines Werks. In der Videoinstallation „Nymphéas“ bleibt zwar Monets Seerosenteich erkennbar, doch während die impressionistische Malerei die Summe von Augenblicken in einem Moment manifestiert, erweitern seine Filme die Räumlichkeit der Malerei um eine zeitliche Dimension.

    Der Bearbeitung eines völlig anderen Stoffes widmet sich die Münchener Künstlerin Marie Holzer, die in ihrer Installation „Personal ewiger Wiederkehr“ in einer Flut kleiner Tonfiguren Dantes Göttliche Komödie vor dem Hintergrund von Zeitungsartikeln und Medienbildern neu interpretiert. Dantes wohlgegliederte Kreise der Hölle lösen sich auf in ein undurchdringliches Chaos, in dem Individualität kaum noch eine Rolle zu spielen scheint.

    Um Chaos geht es auch in Julee Holcombes Adaption von Breughels „Turmbau zu Babel“. In ihrer Photomontage türmt sie Wolkenkratzer und Kathedralen in der trostlosen Kulisse einer ewigen Baustelle auf und stellt mit dieser Arbeit nicht zuletzt die Frage nach dem Sinn und Zweck der Globalisierung in einer immer kleiner werdenden Welt.

    Zur Ausstellung erscheint eine Publikation. Die Eröffnung der Ausstellung findet statt am Samstag, 3. September 2005, im Rahmen der ZusammenKunst, des Saisonauftaktes aller Wiesbadener Museen, Galerien und Kunstvereine.

    Die Ausstellung rewind<< ist Bestandteil der Ausstellungsreihe „Perspektiven der Zukunft“. Die Naspa ist exklusiver Presenter dieser Reihe. „Perspektiven der Zukunft“ ist eine laufende Folge zu künstlerischen Zukunftsvisionen mit gesellschaftlicher Relevanz. Fragestellungen der Zeit werden in verschiedensten Ausstellungsprojekten bearbeitet. Der Nassauische Kunstverein und die Nassauische Sparkasse möchten damit einen Anstoß zur kritischen und ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit Zukunftsvisionen und gesellschaftlichen Entwicklungen leisten.

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