• Russisches Roulette


    26. Oktober 2008 bis 14. Dezember 2008

    AES +F / Denegation / Tatjana Gorbatschewskaja / Heidi Hänninen / Inna Kasakowa / Maria Koschenkowa / Jekaterina Krupnowa / Natalia Loginowa & Pawel Oljuschkin / Alexej Meschtschanow / Georgy Ostretsow / Out of Focus / Slava Seidel / Julia Schumilowa / TeLo / Aleksej Tschebykin / Evgeny Umanskij / Julia Utyschewa

    Eröffnung: Samstag, 25. Oktober  2008 / 17 bis 20 Uhr

    kuratiert von Nadja Simakina

  • Russisches Roulette wurde schon vor langer Zeit zu einem Symbol Russlands. Verknüpft mit vielen romantischen Legenden und Geschichten ist es ein Spiel auf Leben und Tod, intrigantes Mittel und ästhetischer Selbstmord – ein Todesspiel als Antwort auf die fatale Frage: «Werde ich vom Schicksal geliebt?»
    Doch was ist das Russische Roulette? Ein Spezifikum aus dem Umfeld des ehemaligen Russlands oder eine universelle Gestalt außerhalb von Zeit und Raum? Eine Verkörperung von Extremen des nationalen Charakters oder eine archetypische Formel menschlichen Benehmens? Die Akzente der Ausstellung liegen auf der metaphorischen Wahrnehmung dieser sonderbaren Erscheinung. Künstler erzählen von ihren Geschichten, Theorien und Überlegungen zu diesem mysteriösen Phänomen in verschiedensten Medien, die die unterschiedlichen Aspekte und Zugänge zum Thema des «Russischen Roulettes» von psychologischen Erforschungen bis hin zu intimen und emotionalen Aussagen zum Ausdruck bringen.

    Das Video «Le Roi des Aulnes» (2001) nach Motiven von Johann Wolfgang von Goethe und Michel Tournier bildet den ersten Teil der Serie «King of the Forest» der Gruppe AES+F und wurde im Katharinenpalast der St Petersburger Zarenresidenz in Puschkin aufgenommen. Mehr als hundert Schüler aus Ballett- und Sportschulen und Model-Agenturen wurden in dem prunkvollen Gebäude versammelt, erhielten von den Künstlern aber keinerlei choreographische Anweisungen. Dennoch posierten sie wie Models, wirkten unfrei. Es scheint, als seien es Kinder ohne Kindheit, jenseits eines goldenen Zeitalters.

    Die Arbeit «Vier Jahreszeiten» (2008) der Künstlergruppe Denegation zeigt eine sich drehende Waschmaschinentrommel, in der unter bunten Kleidern auch das charakteristische Blau-Weiß einer russischen Marineuniform zu sehen ist. Das turnusgemäße Reinigungsverfahren verwandelt sich in eine künstlerische Farce: Statt zu einem definitiven Ende zu kommen, wird zu Vivaldis Komposition der «Vier Jahreszeiten» das unaufhörlich Wiederkehrende betont.

    Die Spiegelinstallation «Amalgam der Inversionen» (2008) von Tatjana Gorbatschewskaja spiegelt die Verschränkung der Blickrichtungen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Fokus der Künstlerin richtet sich auf die Organisation des Raums mittels einer gezielten Lenkung des Blicks. Auf subtile Weise lädt die zerbrechliche Konstruktion mit kaleidoskopartigen Spiegelungen dazu ein, mit seinem in Facetten aufgebrochenen Ebenbild in Dialog zu treten. Uns selbst gegenwärtig, blicken wir in die Vergangenheit und schreiten blind in die Zukunft.

    Dass der Kampf der Geschlechter ein gefährliches Spiel sein kann, zeigt Heidi Hänninen in ihrem Video «Pussyan Roulette» (2008). Sechs lockende Blumen, wie sechs Kugeln, drehen sich - ob man sie pflückt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen.

    Wie das Blut durch unseren Körper, so fließt «Der Birkensaft» (2008) in der interaktiven Installation von Inna Kasakowa und es erwachen Bilder aus vergangenen Zeiten, nostalgische Erinnerungen an die Kindheit, an die Sowjetzeiten. Jeder Druck auf die Tastatur des altersschwachen Computers bringt ein neues, individuelles Mosaik aus Erinnerungsbildern hervor.

    Ein märchenhaft anmutendes Labyrinth aus traditionellen handgearbeiteten russischen Tüchern entsteht in der Installation «Russisches Roulette» (2008) von Maria Koschenkowa. Je mehr man ins Zentrum des Labyrinths dringt, desto dichter wird der Tücherwald. Die ursprüngliche Dominanz bunter Farben am Rande des Labyrinths wird durch die roten und schließlich ausschließlich schwarzen Tücher, welche die Mitte der Installation markieren, in eine mysteriöse Tiefe gezogen. Die lebhafte bunte Ornamentik, geprägt von starken Kontrasten, führt unweigerlich hin in eine innerliche Dramatik.

    Der blinde Zufall als methodischer Ansatz zur Problemlösung steht im Mittelpunkt der Fotoanimation «Anfang» (2008) von Jekaterina Krupnowa. Eine Frau packt. Ihr Mann beobachtet sie. Es folgen Wortfetzen, Blicke voller Liebe und Zweifel werden gewechselt. Dann fordern sie ihr Schicksal heraus. Sie vertrauen auf die Zukunft, wissen nicht, was kommen wird.

    Kugeln aus Plastik rollen eine nach der anderen aus der Lostrommel. Obwohl eigentlich vom Zufall bestimmt, fällt im Animationsfilm «Gerade - Ungerade» (2008) von Natalia Loginowa und Pawel Oljuschkin schnell eine absurde Gesetzmäßigkeit auf: Kahlköpfig - Behaart - Kahlköpfig - Behaart - so füllen sich die Reihen der russischen Machthaber.

    Man hat immer die Wahl, doch führt der lange Prozess letztendlich zur richtigen Entscheidung? Die Antwort sucht Anna Luschtschenko in ihrer Videoarbeit «Wahl» (2008). In einem schweren Kampf zwischen «ja» oder «nein» versucht sie ihre Entscheidung zu treffen. Plötzlich erscheint eine Lösung greifbar nah: Der Revolver soll entscheiden...

    Geprägt durch die Affinität zu den Romanfiguren Dostojewskis, die häufig durch
    innere Zerrissenheit gekennzeichnet sind, verweist die Skulptur von Alexej Meschtschanow «Dämonen benutzen geschlossene Türen» (2007) auf den Kampf des Menschen mit seinen inneren Dämonen. Wie Stahl umklammern sie den menschlichen Verstand und lassen sich durch nichts aufhalten. Keine Tür der Seele hält ihnen stand. Durch ihr unaufhaltsames Vordringen steht das eigene Leben auf dem Spiel.

    Das tragische Ende von drei «Spielern» veranschaulicht das «Arbeitszimmer der neuen Regierung» (2008) von Georgy Ostretsow. Fassungslos und verzweifelt sitzen drei Männer in einem riesigen Raum, ihre Gesichter mit Masken verdeckt. Für sie nimmt das Pokern um Volk und Land auf der großen politischen Bühne kein Ende - ein dramatisches Spiel wie ein Teufelskreis, aus dem der Ausbruch unmöglich scheint.

    Im Video «Ästhetischer Terrorismus» (2007) der Künstlergruppe Out of Focus dreht sich ein Mensch wild inmitten eines Raums. Die wie aus einem Schneesturm auftauchende schwarze Figur versucht, den seltsamen Tanz des sterbenden Schwans von Saint-Saëns zu tanzen. Statt der bekannten Klänge ertönt laute Noise-Musik und verwandelt den durchdrehenden Menschen in einen Selbstmörder, der mit seinen Trieben und Wünschen kämpft. In ästhetischer und überspitzter Form wird das Unvorhersehbare in unserem Leben mit dem unfassbaren Ausgang terroristischer Akte verglichen.

    Im «Spielraum» (2008) von Slava Seidel rollen keine Kugeln auf dem Billardtisch. Stattdessen wird ein makabres Spiel mit Gehirnen dargestellt. Die Künstlerin legt ihren Fokus auf vier Schlagwörter, die für Russen von großer Bedeutung sind: Spiel, Willen, Spieltrieb und Lotterie. Es geht um ein Spielen ohne Rücksicht auf Verluste, um ein Leben «aufs Geratewohl», wie ein beliebtes russisches Sprichwort sagt - voll guter Hoffnung, aber ohne jedwede Sicherheit.

    Die Videoarbeit «Flug» (2008) von Julia Schumilowa zeigt den Blick aus einer Flugzeugkabine. Wie kann man mit Sicherheit wissen, fliege ich wirklich oder nicht? Geschieht dies tatsächlich oder nicht? Der plötzliche Absturz folgt...

    Die Geschichte der Erforschung des Weltalls weist Parallelen zum Russischen Roulette auf. Der kosmische Wettbewerb zwischen der Sowjetunion und den USA, währenddessen nur zählte, wer «Erster» wird, wurde zum Spiel auf Leben und Tod. Vor diesem Hintergrund erzählt das Künstlerduo TeLo im Animationsfilm «Die Russen kommen!» (2008) auf wunderbar absurde Weise drei Geschichten über die größten Errungenschaften der sowjetischen Kosmonautik: Vom ersten Flug des Menschen ins All, vom Flug eines Mondmobils und dem ersten Gang im unendlichen Weltraum.

    Wie die Präsenz von Waffen kaschiert werden kann, ist eine Frage, der Alexej Tschebykin in seiner Fotoserie «Olympic Security Style» (2008) nachgeht. Als griechisch klassizistische Architekturen getarnt, bewegen sich die Waffen monumental durch das Stadtbild. Architektur immer auch als Spiegel der herrschenden
    Machtverhältnisse, wird theatralisch genutzt, um den Aufzug der Gefahr von Macht hinter der Kulisse anerkannter harmonischer Formen, hinter Potemkischen Dörfern in mobiler Form zu verhüllen.

    Die Videoinstallation «Sie werden dich wählen — Ich habe es befohlen!» (2008) von Evgeny Umanskij wurde durch die Graffitis der Bevölkerung beeinflusst, die in den letzten Jahren zur Stimme des Volkes in Russland geworden sind. Das statische Bild an der Wand, auf dem die Gesichter der Landesführer zu sehen sind, berichtet über ein brennendes Thema: Trotz Wahlen wird nicht gewählt. Denn die Machthaber bestimmen.

    Über die «Besonderheiten des Russischen Roulettes» (2008) erzählen Passanten im Interview mit Julia Utyschewa. Vor der Kamera berichten sie von ihren Erfahrungen und dem, was sie für die «Regeln» dieses Spiels halten: Von historischen Exkursen über die Entstehung des Todesspiels bis hin zu skurrilen und lustigen Begebenheiten aus ihrem Privatleben, immer verbunden durch das gemeinsame Risiko. Was entsteht, ist vielleicht ein Spiegelbild der russischen Seele...

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