• Sven Johne / Bei den Riesen


    21. Januar 2007 bis 04. März 2007

    Eröffnung: Samstag, 20. Januar 2007 / 17 bis 20 Uhr


    kuratiert von Elke Gruhn und Katharina Klara Jung

  • Den Ausgangspunkt der Spurensuche in Sven Johnes zyklisch angelegten Arbeiten bilden wahre, zumeist aus der Lokalpresse entnommene Geschichten. Seine dokumentarischen Erzählungen kombiniert er ästhetisch mit atmosphärischem Fotomaterial. Nicht die Frage nach der ohnehin perspektivischen Wahrnehmung von „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“, sondern vielmehr das, WAS erzählt wird und dessen Relation zur Welt, in der wir leben sind entscheidend.
     
    Fünf Geschichten vom Scheitern erzählt die Serie Vinta (2004) in Anspielung auf die der Legende zufolge versunkene Insel Vineta. Sven Johne entdeckte bei seiner Recherche zur Greifswalder Oie, der kleinen östlichsten deutschen Insel, dass verschiedene Leute versucht haben, an diesem Ort „einen Traum zu verwirklichen“ und dabei scheiterten. Sechs Diptychen zeigen Portraits der Charaktere und signifikante Objekte aus den gescheiterten Projekten.
     
    Fünf Heldentafeln von Ostdeutschen, die ihr kreatives Potential nicht ungenutzt lassen wollten, umfasst die Serie Großmeister der Täuschung (2005). Die Gesichtszüge der Portraits unbekannt gebliebener Alltagshelden verschwinden hinter Milchglas, das mit goldener Schrift die heroischen Schicksale dokumentiert und gleichzeitig verschleiert.
     
    Kleistners Archiv (2005) zeigt in zwei Archivkästen Sehnsuchtsbilder, die der Ostdeutsche Alfred Kleistner von der Ostsee gemacht haben soll. Je eine Serie dokumentiert die Bilder, die der Republikflüchtling vor seiner Flucht und eine die er vor seinem Selbstmord aufgenommen haben soll. Zu DDR-Zeiten gelang es nur zwei Menschen, in den Westen zu schwimmen. Vom 13. August bis 9. November starben jedoch auch 174 Menschen bei dem Versuch, über die Ostsee zu fliehen. In Deutschland ist die Zahl der Selbstmörder höher als die der Verkehrstoten und der Opfer von Gewalttaten. Die Suizidrate ist in Ostdeutschland höher als in Westdeutschland. Hauptursache sind Depressionen.
     
    In fünf Diptychen Infrarot Nachtaufnahmen Wanderung durch die Lausitz (2006) zeigt Sven Johnes Versuch, den Spuren der Wölfe zu folgen. Tatsächlich ist das archaische Bild vom streunenden Wolf in Deutschland in keinem einzigen Bild dokumentiert. Gefunden hat er stattdessen verlassene Orte, die von der Natur langsam zurückerobert werden, Orte, an denen die Menschen den Versuch unternehmen, eine vermeintliche Ordnung der Vergangenheit zu erhalten oder aber auch offensiv mit der Kulisse einer verlassenen „Western Stadt“ umzugehen. Eine Spurensicherung, die zwangsläufig zu der Frage führt, suchen wir den Wolf oder wartet er auf den Menschen? Die durch Abwanderung und Deindustrialisierung geprägte Laussitz ist heute Heimat zweier Wolfsrudel.
     
    Zum Zeugen eines Strandspaziergangs von Vater und erwachsenem Sohn wird der Betrachter in dem Video Elmenhorst (2006). Das gleichmäßige Rauschen von Wind und Meer überlagert die Sprachlosigkeit der beiden Protagonisten, deren Mimik und Gestik spiegeln angesammelte Aggression, Missverständnis der Generationen und unglaubliche Entdeckungen, gleichzeitig aber auch den Kern unbedingter familiärer Verbundenheit, die trotz allem nicht erloschen ist. Die Situation bedarf eines (Ur-) Knalls, um die überwältigende Stille und die Mauer des Schweigens zu durchbrechen …
     
    Eine mecklenburgische Kleinstadt verwirklicht sich etwas Besonderes: den Nachbau der seiner historischen Altstadt im Maßstab 1:10. Die erstmalig im NKV gezeigten Fotografien Bei den Riesen (2006-2007) zeigt Ansichten aus dieser seit 1996 entstehenden Stadt mit bereits 140 Häusern. Alle Baumaßnahmen werden von den ortsansässigen Handwerkern im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (1 Euro Jobs) konstruiert, fachgerecht ausgeführt und gepflegt, - inzwischen arbeiten mehr Handwerker in der „Miniaturstadt“ als in ihrem realem Vorbild.
     
    Sven Johne (*1976, Bergen auf Rügen) studierte zunächst Germanistik, Journalistik und Namensforschung. 2004 schloss er sein Studium der Fotografie bei Timm Rautert an der HBG Leipzig mit dem Diplom für Bildende Kunst ab. Im selben Jahr war er Stipendiat der Alfred Krupp von Bohlen Stiftung, in 2005 Marion Ermer Preisträger. Sven Johne war Meisterschüler bei Timm Rautert in Leipzig.

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