• Von dem was dann noch bleibt


    02. März 2008 bis 20. April 2008

    James Aldridge / Holmer Feldmann / Rachel Goodyear / Falk Haberkorn / Jeon Joonho / Elena Loukianova / David A. Parker / Kei Takemura / Rebecca Wilton / Haegue Yang

    Eröffnung: 1. März 2008 / 17 bis 20 Uhr

    kuratiert von Elke Gruhn und Katharina Klara Jung

  • Was bleibt, wenn etwas verschwunden ist? Ein Gedächtnis weiß mehr als wir selbst, es ist kreativ, beschränkt sich nicht auf einfache Reize und Daten, sondern verarbeitet und speichert Informationen und deren Bedeutung, die durch Kommunikation mit allen Sinnen entsteht und von uns mit Gefühlen bewertet wird. Nicht immer gehen Erinnerungen auf Erlebnisse zurück, sie können entstehen aus Büchern, Filmen, den Erzählungen Anderer... Was dann noch bleibt? Geschichten, Spuren, Anklänge, Schatten, manchmal auch Neues…

    Die großformatigen Scherenschnitte CREEPING DEATH und DARK LAKE von James Aldridge verführen den Betrachten in eine düstere Traumwelt. Bizarr schöne Landschaften mit Vögeln, Blumen und rauchenden Totenköpfen entstehen intuitiv ohne vorherige Planung im fließenden Prozess des Ausschneidens. Die Motive entspringen der Erinnerung an Plattencover von Heavy Metall Musik und intensiven Naturstudien. Indem die Negativform durch das Ausschneiden entfernt wird, findet ein Zeichnen im umgekehrten Sinne statt; das, was übrig bleibt, bildet die Form, das Motiv und den Raum.

    DER BRIEFRAUM nennt Holmer Feldmann seine Konzeptarbeit, in der er für jeden Tag des 20. Jahrhunderts einen Brief malen will. Aus einem wachsenden Archiv privater Korrespondenzen von unbekannten und fremden Menschen erarbeitet er seriell einzelne Abschnitte dieser Zeitspanne. Diese minutiösen, Detail getreuen Malereien, auf denen jeder Wasserfleck und Tintenklecks wiedergegeben ist, erhalten und transportieren einen Teil persönlicher Geschichte und Gedanken der Schreiber und der Empfänger / Besitzer der Briefe. Der Pathos, mit dem die Schriftstücke durch ihre Übersetzung in die Malerei aufgeladen werden, wird zwar durch die Intimität des Inhalts konterkariert; durch die Erhebung zum Bildmotiv aber scheint sich das Geschriebene von der persönlichen Erinnerung zum historischen Dokument zu wandeln.

    Rachel Goodyears kleine Zeichnungen auf belanglosen Relikten des Alltags kombinieren ihre eigenen Geschichten mit denen des Materials, auf dem sie aufgebracht sind: Alten Zug- und Theatertickets, den Rückseiten von eilig dahin gekritzelten Notizen und zu Einkaufslisten umfunktionierten Servietten, die, wenn aufgehoben oder zufällig wieder gefunden, einen bloßen Erinnerungswert haben, verleihen die Zeichnungen eine neue Dimension möglicher Geschichten und Assoziationen.

    In der Arbeit LA DITTATURA DELLO SPETTATORE reflektiert Falk Haberkorn das Zerstörungs- und Sehnsuchtspotentials des Tourismus: Auf der Piazza San Marco in Venedig lichtet er im Reportagestil Touristen beim Fotografieren ab. Den Menschen überladenen Aufnahmen von sich näher an ihre Motive heranreckenden Urlaubern mit den Kameras über ihren Köpfen stellt er die strengen, nüchternen Aufnahmen der zurückgelassenen Reisebusse auf dem leeren Parkplatz auf dem Festland gegenüber. Was bleibt? Schnappschüsse, ein Erleben durch die Kamera und ein verlassener Bus vor dem Toren der Stadt…

    In seinem animierten Film THE WHITE HOUSE beschäftigt sich der Koreaner Jeon Joonho mit einem anderen Verschwinden, zeigt Bilder einer virtuellen Realität. Vor dem Hintergrund eines 20 Dollar-Scheins mit dem Abbild des Weißen Hauses bewegt sich eine menschliche Figur, die die realen, architektonischen Öffnungen des Präsidentensitzes, die Fenster und Türen überstreicht und verschwinden lässt. Zurück bleibt eine verschlossene, weiße Fassade, hermetisch nach innen wie nach außen abgeriegelt.

    Unbeschwertes Lachen hallt in Elena Loukianovas Audioarbeit STÄDELGARTEN durch den Raum, ein Lachen, das nach Freiheit und Lebensgeist klingt. Zusammen mit dem leisen Rauschen von Blättern ruft es Bilder hervor, die vielleicht aus der eigenen Erinnerung kommen, vielleicht aber auch aus einem Film, den man vor langer Zeit einmal gesehen hat: der Klang lässt die Grenze zwischen imaginären und wirklichen Erfahrungen verschwimmen.

    In David A. Parkers Kurzfilm LAND CLAIM wird die Landkarte eines amerikanischen Vorortes, Sinnbild für die von der Zivilisation geordnete Natur, absurd in ein Loch eingesaugt: Sie knittert und verzieht sich, verschwindet dann ganz und der Erdboden verschließt sich über ihr in einem humorvollen, fast grotesken Versuch zur Rückeroberung der kartographierten Welt durch die Natur.

    UM SICH DER VERGANGENEN TAGE NOCH GENAUER ZU ERINNERN heißt Kei Takemuras Arbeit aus fast transparentem Stoff, auf dem wie ein Nachbild mit feinen Nadelstichen die Umrisse eines Raumes eingestickt sind. Es ist die Wohnung ihrer verstorbenen Großmutter, an die sie sich selbst kaum erinnert. Aus Erzählungen ihrer Verwandten rekonstruiert sie die Lebenswelt eines geliebten Menschen, bündelt die Erinnerung vieler auf einem Schleier, der in seiner zarten Zerbrechlichkeit fast selbst wie eine Erinnerung wirkt.

    Mit ihren Fotografien historischer Orte bezeugt Rebecca Wilton die Vergangenheit, das soziale Leben, die diesen Ort einst ausmachten Der Blick trifft auf eine junge Frau – die Fotografin selbst - inmitten dieser ehemaligen kulturellen oder sozialen Lebensräume. Ihre Kleidung ist stereotyp und mit der ehemaligen Funktion des Ortes verbunden. Über der Nachahmung dessen, was von der Vergangenheit vorstellbar ist, liegt eine sich ausdehnende Melancholie: in der einfühlsamen Annäherung an das Verlorene entfremdet sich Wilton, verliert sich selbst in der Unmöglichkeit der Aneignung der Vergangenheit.

    In der Rauminstallation BLACK CABINET von Haegue Yang taucht eine fließende Lichtarbeit aus einer von der Decke bis zum Boden geführten Glühbirnenkette den Raum in ein atmosphärisches Halbdunkel. Eine A4 Diaprojektion reduziert die Kommunikation auf das leise Ritual des Sendens von Faxseiten ohne geschriebene Nachricht. Ersetzt wird sie durch die individuelle Komposition der von der mechanischen Übertragungsmethode hinterlassenen Spuren. Daneben überführen die WHATEVER BEINGS das Din-Format ins Skulpturale und so ad absurdum. Auf COVE finden sich im schwarzen Sprühnebel hinterlassene Abdrücke und Spuren, die bei der Produktion einer anderen Arbeit von der Papierbahn aufgefangen wurden. Das Schwarz des BLACK CABINET markiert eine Anwesenheit bei gleichzeitiger Abwesenheit; eine Präsenz ist spürbar, doch sie bleibt verborgen wie der Inhalt, der auf den leeren Seiten der Faxe hätte stehen können.

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