• Yuken Teruya / Notice Forest


    16. Januar 2005 bis 27. Februar 2005

    Eröffnung: Samstag 15. Januar 2005, 17 bis 20 Uhr

    kuratiert von Elke Gruhn und Katharina Klara Jung

  • Eine zauberhafte Lichtung, in deren Mitte einsam ein Baum steht, offenbart sich beim Blick in die Papiertüte, Verpackungsmaterial für ein Fast Food Produkt, dessen farbiger Aufdruck zu buntem Herbstlaub in seiner neuen Rolle transformiert. Die offene, horizontal gelegte Tüte, deren Öffnung sorgfältig umgefaltet ist, bildet den Schaukasten, die Bühne zu dem, was einst ihr Ursprung war, ein Baum in einem Wald - längst vergessen. Notice Forest erinnert an dieses Potential auch der einfachsten Wegwerfprodukte. Die Objekte zeigen jedoch nicht irgendeinen Baum, sondern haben stets ein reales Vorbild, meist sind es Bäume aus den Straßen New Yorks, die isoliert in ihrer Betoneinfassung des Gehweges, einem Guckloch ähnlich, einen Blick in den Grund des Bodens unterhalb der Versiegelung erlauben und so an das Potential der Erde Manhattans erinnern.
     
    Yuken Teruya lebt in New York, seine Wurzel sind in Okinawa, einer Inselgruppe im Süden Japans. Die Präfektur Okinawa unterscheidet sich von den japanischen Hauptinseln nicht nur durch das subtropische Klima und die damit verbundene Naturvielfalt, sondern auch durch eine besonders heitere und lebendige Kultur, die sich in dieser Form nirgendwo sonst in Japan finden lässt. Bekannt wurde Okinawa vor allem durch die Tragödie der neueren Geschichte, das Wüten des endenden zweiten Weltkrieges.
     
    Nach der Rückgabe Okinawas an Japan blieben die amerikanischen Militärbasen bestehen und erstrecken sich noch immer über 20 Prozent der Hauptinsel Okinawas, von allen japanischen militärischen Einrichtungen befinden sich 70 Prozent auf Okinawa. Die Bewohner leben heute entweder von den Militärbasen oder vom Tourismus.

    Wie ein traditioneller Kimono aus Okinawa, ein Bingata, erscheint You-I, You-I auf den ersten Blick, bei genauerem Hinsehen werden jedoch militärische Motive wie Fallschirmspringer und Kampfflieger gleichberechtigt neben der floralen Ornamentik der Chrysanthemen und Kirschblütenzweigen sichtbar. Die außergewöhnliche Schönheit des Kimonos erscheint absurd, sein Motiv ist direkt und ergibt sich aus der spezifischen Situation Okinawas. Auf dem Kimono ist Gegenwart und Geschichte von Teruyas Heimat vereint. Statt mit heimatlichen Gefühlen zu kokettieren, löst der objektive Blick den Kimono aus seinem lokalen Hintergrund und macht ihn als künstlerische Arbeit zugänglich, die ihre Eindringlichkeit aus ihrer Authentizität bezieht.

    Im September 2004 berichtet die New York Times von einem Protest der Einwohner Okinawas: Ein Hubschrauber der amerikanischen Streitkräfte stürzt am 13.August in das Universitätscampus ab, wie durch ein Wunder wird niemand der 90.000 Bewohner getötet. Die Menschen Okinawas sind empört, dass weder japanische Sicherheitsbeamte noch japanische Politiker an den Ort des Unglücks vorgelassen werden, die Pizzaboten des lokalen Bringservice jedoch durch gewunken werden, schließlich muss für das leibliche Wohl der amerikanischen Untersuchungskommission gesorgt werden. Teruya produziert Pizzatocracy, klassische Pizzakartons, grün und rot bedruckt, aber statt Firmennamen und der üblichen appetitanregenden Slogans sind darauf Schlagzeilen dieses Vorfalls sowie der Artikel der New York Times zitiert, zur leicht verdaulichen Verbreitung. Im Innern der Kartons finden sich Zeichnungen von den Kindern Okinawas. In Workshops von Teruya an den Ort des Absturzes eingeladen zeichneten sie ihre Sicht des Geschehenen, frei von den diplomatischen Botschaften der politischen Kommentare.

    Das Flaggen-Projekt Color the World entstand aus den zwiespältigen Gefühlen, die der Ausländer Teruya nach den Terror Anschlägen des 11. Septembers 2001 in den USA empfindet. New York bekennt sich demonstrativ, überall weht die amerikanische Nationalflagge - aber vereinigt sie die Menschen oder sondert sie einige aus? Die Fahnen aller 196 existierenden Nationen vereint Teruya gleichbe-rechtigt ohne jede Abgrenzung nebeneinander zu einer gemeinsamen Flagge. Jedes Ländersymbol ist nach seiner tatsächlichen geographischen Lage auf dem Globus angeordnet, eine farbenfrohe Zukunftsvision, die jedoch in der Realität noch auf sich warten lässt: Meldete die UNO durchaus Interesse an dieser weltum-fassenden Flagge an, so wünschte sie jedoch eine Version mit nur 191 National-emblemen, denn 5 Staaten sind noch nicht Mitglied bei den Vereinten Nationen.
     
    Entlang der Horizontlinie der trügerisch ruhigen See sind die Schnappschüsse eines am Strand spielenden Jungen aneinandergereiht, amateurhaft festgehaltene Urlaubserinnerungen des Aufbaus und der Zerstörung einer Sandburg, wie sie sich in den meisten Familienfotoalben finden. Im Vordergrund der Bildserie das fast zu übersehenden ehemalige Schneckenhaus, inzwischen Schutz für einen Einsiedlerkrebs. Two Lords erzählt von der Polarität der Naturgewalten, der Ewigkeit der Natur und der Rolle des Menschen. Die Aufnahmen entstanden am Strand von Okinawa im Sommer 2004 vor der Tsunami Tragödie in Asien, die die Welt in einer einzigartigen Hilfsaktion vereint.
     
    Yuken Teruya manipuliert Alltagsobjekte, jongliert mutig brisante Themen, die intensiv einprägsam durch seine spielerisch heitere, geradezu unschuldige Verknüpfung von Authentizität mit Realität werden. Es ist diese Leichtigkeit in der Umsetzung, die seiner Arbeit zu großem Gewicht verhilft. Eine zauberhafte Lichtung, in der sich kein moralischer Zeigefinger erhebt.

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