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Annette Krauss

  • RANDZONENLESUNG: EIN STÜCK FÜR DIE BIBLIOTHEK

    Während ihres Stipendiumaufenthalts in Wiesbaden entwickelte Annette Krauss gemeinsam mit ihrem internationalen Kollektiv „Read-in“ mehrere Aktionen. Inspiriert vom Zitat des französischen Philosophen Louis Althusser, „Es gibt nicht so etwas wie unschuldiges Lesen“, (1968) untersucht „Read-in“ seit 2010 die gesellschaftliche Funktion von kollektivem Lesen. Unter dem Titel RANDZONENLESUNG führten Annette Krauss, Hyunju Chung, Serena Lee und Laura Pardo im August in Wiesbaden vier öffentliche Veranstaltungen durch, unter anderem ein klassisches Read-in: Das Kollektiv und Interessierte streiften durch das Stadtgebiet, läuteten an Haustüren und baten darum, spontan für eine gemeinsame Lesung beherbergt zu werden. Ein „Read-in“, wie das in Wiesbaden, ist stets an die Spezifik des Ortes gebunden und reflektiert somit auch die Beziehungen zwischen dem Inhalt eines Textes und der Lesart eines Raums. Durch die Verschiebung einer typischerweise privaten und isolierten Aktivität wie dem Lesen, schafft das „Read-in“ neue Möglichkeiten der Auseinandersetzung und befragt die politische Dimension des gemeinsamen Lesens.

    Hieran anknüpfend, entwickelt das Künstlerinnen-Kollektiv „Read-in“ von September 2013 bis Mai 2014 eine Partitur und Choreografie für „Ein Stück für die Bibliothek“, gemeinsam mit Sängern des Wiesbadener Knabenchors (Kulturpreisträger 2013) und dem Musik-Leistungskurs der Oranienschule Wiesbaden, beide unter der Leitung von Roman Twardy, sowie in Kooperation mit der Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain Wiesbaden am Standort Rheinstraße. „Ein Stück für die Bibliothek“ entsteht aus den Geräuschen der vermeintlichen Stille in der Bibliothek und befasst sich mit dem Potential des stillen Lesens in Bibliotheken als kollektivem Moment. Wie Stille sich konstituiert und die atmosphärische Dichte durch die verschiedenen Lesehaltungen, Bibliothekshandlungen, involvierten Bücher, die Architektur und verschiedenste Bibliothekskategorisierungen verstärkt und rhythmisiert wird, ist die Frage, die sich mit der Entstehung des Stücks stellt. Sowohl die Proben und Erarbeitung des Stücks als auch die Aufführungen an zwei Terminen integrieren sich in den öffentlichen Bibliotheksbetrieb, so dass künstlerische Form und normativer Alltag sich miteinander verbinden.

     Annette Krauss (*1971 in Rothenburg o. d. Tauber) ist die sechste Preisträgerin des Stipendiums „Follow Fluxus – Fluxus und die Folgen“, das vom Nassauischen Kunstverein Wiesbaden und der Landeshauptstadt Wiesbaden seit 2008 jährlich vergeben wird. Sie lebt und arbeitet in Utrecht, NL. In ihrer Kunst, die in erster Linie im Bereich Research, Alltag und Performance zu verorten ist, bindet Annette Krauss immer wieder Laien ein und endgrenzt auf diese Weise die Autorschaft.