Ausgangspunkt: 1957–2027
Drei Wiesbadener Kunsteinrichtungen erinnern an die aufsehenerregende Ausstellung Lebendige Farbe − Couleur vivante, die 1957 zum Ausdruck eines neuen Lebensgefühls nach dem Zweiten Weltkrieg wurde. Acht deutsche und acht französische Positionen des Informel trafen in den ehrwürdigen Sälen des Städtischen Museums Wiesbaden erstmals aufeinander. Die ungezügelte Malerei irritierte, begeisterte, forderte heraus und veränderte den Blick darauf, was moderne Kunst sein und im Museum leisten konnte. 70 Jahre später greifen das Museum Reinhard Ernst, das Museum Wiesbaden und der Nassauische Kunstverein Wiesbaden diese künstlerische Sternstunde gemeinsam auf und fragen, was von der damaligen Aufbruchsstimmung geblieben ist.
Die Ausstellung, die im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden präsentiert wird, nimmt ihren Ausgangspunkt in der historischen Präsentation Couleur vivante von 1957, die einen wichtigen Moment in der Rezeption der abstrakten Malerei im Nachkriegsdeutschland markierte. Die damals gezeigten Positionen des Informel wurden vielfach als Ausdruck eines radikalen Neuanfangs verstanden. In spontanen, gestischen Bildsprachen artikulierte sich der Anspruch, nach den Erfahrungen von Krieg und Zerstörung einen unmittelbaren, individuellen Ausdruck zu finden, der sich nicht ohne weiteres ideologisch vereinnahmen ließ. Abstraktion erschien in diesem Kontext als existenzielle künstlerische Haltung.
Die international besetzte Gruppenausstellung im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden greift diesen historischen Bezug auf, richtet den Blick jedoch auf aktuelle künstlerische Positionen, die Abstraktion unter veränderten gesellschaftlichen und medialen Bedingungen neu verhandeln. In einer Gegenwart, die von digitaler Bildproduktion- und zirkulation, umfassender Datenerfassung und einer permanenten Verfügbarkeit visueller Inhalte geprägt ist, verschieben sich die Strategien der aktuellen Kunst.
Im Zentrum steht dabei der Akt des Sehens selbst: Die Arbeiten von P. Staff (*1987, UK), Kapwani Kiwanga (*1978, CA), Edie Monetti (*1986, DE), Gregor Gleiwitz (*1977, DE), Frances Scholz (*1962, USA) und Markues (*1985, DE) hinterfragen, wie Bilder entstehen, wahrgenommen und gelesen werden.
Abstraktion als Aushandlung von Sichtbarkeit
An die Stelle der expressiven Geste von einst tritt heute eine reflektierte Praxis zwischen Entzug und Kontrolle. Die gezeigten Positionen operieren mit visuellen Codes, digitalen Störungen und fragmentierten Zeichen, die eine sofortige Lesbarkeit unterbrechen. Diese Praxis der Opazität ist die Behauptung einer formalen Eigenlogik, die sich der lückenlosen Auswertbarkeit entzieht.
In einer Kultur, in der Bilder schnell kategorisiert, interpretiert und ökonomisch verwertet werden, behaupten die präsentierten Positionen einen Moment der bewussten Unbestimmtheit. Durch den präzisen Umgang mit (oder den Verzicht auf) erklärende Metadaten und die Schaffung von Momenten, die sich der digitalen Dokumentation entziehen, bewahren die Arbeiten eine Erfahrung, die nicht restlos in Information übersetzbar ist.
Indem die Werke ihre Unverfügbarkeit als ästhetische Freiheit wahren, fordern sie eine Wahrnehmung ein, die über das reine Dekodieren von Inhalten hinausgeht. So wird der Akt des Sehens selbst zum eigentlichen Thema: Die gezeigten Arbeiten thematisieren die Bedingungen unserer heutigen Bildrezeption und visuellen Erfahrung. mfava
Körperliche Präsenz und räumliche Erfahrung
Zahlreiche Arbeiten verlagern abstrakte Strategien aus dem klassischen Bildraum in installative, multimediale oder performative Kontexte. Farbe, Licht, Klang oder architektonische Interventionen erzeugen Situationen, die erst in der unmittelbaren Begegnung mit dem Publikum ihre Wirkung entfalten.
Abstraktion erscheint hier weniger als Darstellung, denn als situatives Ereignis: Sie entsteht in der physischen Erfahrung von Raum, Materialität und Bewegung. Die Werke adressieren die Wahrnehmung der Besucher:innen direkt und setzen auf Qualitäten, die sich nur begrenzt in fotografischen Reproduktionen oder digitalen Bildern vermitteln lassen. Damit verschiebt sich auch die Rolle der Betrachter:innen. Die Bedeutung der Arbeiten entsteht nicht allein im Objekt, sondern in der Ko-Präsenz von Werk, Raum und Betrachter:in.
Eigensinn der Wahrnehmung
Indem sich die präsentierten Arbeiten einer unmittelbaren Lesbarkeit entziehen, fordern sie eine Wahrnehmung ein, die sich nicht in vordefinierte Kategorien überführen lässt. Abstraktion wird so zu einer Form künstlerischer Autonomie innerhalb einer stark regulierten und medial geprägten Bildkultur. Die präsentierten Positionen nutzen abstrakte Verfahren, um Fragen nach Wahrnehmung, Präsenz und Interpretierbarkeit radikal neu zu stellen.
Während die Künstler:innen des Informel in den 1950er-Jahren Freiheit im experimentellen Umgang mit Material und Geste suchten, reflektieren zeitgenössische Positionen die Bedingungen, unter denen Bilder heute entstehen, zirkulieren und gelesen werden. Die Ausstellung begreift Abstraktion als eigensinnigen Akt, als eine Praxis, in der die Unmittelbarkeit der Erfahrung und eine gezielte Opazität jene Freiräume besetzen, die sich den digitalen Rastern und dem Anspruch auf eine restlose Erfassbarkeit unserer Gegenwart entziehen.
Für die freundliche Unterstützung der Ausstellung danken wir dem Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden, der Hessischen Kulturstiftung, der Nassauischen Sparkasse, der Schufa Holding AG und der Henkell & Co. Sektkellerei KG.