In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls, gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. (...) Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich als das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt. (Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn)

Von der Grenze, die wir zwischen Tier und Mensch als gegeben annehmen, kann weder die Evolutionsbiologie noch die Paläoanthropologie mit Gewissheit definieren, an welchem Punkt sich nur animalisches von humanem Leben trennt. Auf der Suche nach dieser Grenze nimmt das „kluge Tier“ weitere Kategorisierungen und Hierarchisierungen vor, die Verwandtschaften herleiten, Gruppen bilden, aber vor allem darauf hinauslaufen, eine polare Bewertung zu manifestieren: lieb- oder unliebsam (Gefährte), nütz- oder schädlich (Ressource) – schließlich gut oder böse.

Die anthropozentrische Zuordnung unterscheidet zwischen Nutztieren, tatsächlich gemeint ist Ressource, Haustieren, zu häufig unter denaturierten Umständen in Gefangenschaft gehalten, und Schädlingen, die gar den wirtschaftlichen Erfolg des Menschen mindern, indem sie dessen Kulturpflanzen, Güter oder Bauwerke schädigen, Krankheitserreger übertragen oder als direkter Nahrungskonkurrent auftreten, spätestens hier versagt unsere sogenannte Moral.

Tatsächlich ist es der Mensch, der sich unfraglich als der größte Schädling des Planeten entpuppt, während er sich langsam der (öko-)systemerhaltenden Bedeutung der unzähligen, überwiegend kleineren Lebewesen mehr und mehr bewusst wird. Unmittelbar nach dem Fall durch den dunklen Tunnel bedarf es jetzt eines weißen Kaninchens - alles im Wunderland.


Die Ausstellung Alles im Wunderland ist Teil des Kooperationsprojektes Artentreffen entlang der RMV-S-Bahnlinie 8 mit derKunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim und dem Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main. Artentreffen wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

 

Oliver Laric, Betweenness, 2018, Courtesy: Der Künstler und Tanya Leighton Gallery, Berlin.

Alles im Wunderland

02. Oktober 2020 - 07. Februar 2021

 

Soft Opening / Donnerstag, 1. Oktober 2020, ab 18 Uhr

Monira Al Qadiri / Dominika Bednarsky / Frank Brechter / Edi Danartono / Max Eulitz / Lili Fischer / Sverre Fredriksen & Zaou Vaughan / Ryan Gander / Andreas Greiner / Ann-Kristin Hamm / Klara Hobza / Zac Langdon-Pole / Oliver Laric / Isa Melsheimer / Katja Novitskova / Aude Pariset / Jonathan Penca / Heather Phillipson / Lucy Powell / Christa Sommerer & Laurent Mignonneau / Simon Van Heddegem / Władysław Starewicz